

Ich kam um 10 Uhr am 18. Mai 2011 am Empfang des Jakob Kaiser Hauses des Deutschen Bundestages an. Nachdem ich meinen Ausweis abgegeben hatte und es durch die Sicherheitskontrolle schaffte, holte Elkes Mitarbeiterin Nancy Haupt mich ab. Dann fing mein sieben-Wochen-langes Abenteuer an. Ich komme ursprünglich aus Philadelphia und studiere Germanistik und Internationale Beziehungen an einem kleinen College in Richmond, Indiana, USA. Obwohl ich mich viel mit der deutschen Sprache und mit dem politischen System Deutschlands im allgemeinen an der Uni beschäftigt habe, lernte ich in den sieben Wochen viel mehr als ich gedacht hätte.
Elke und ihre MitarbeiterInnen haben mich sofort am ersten Tag voll und ganz in die Arbeit und in das Team integriert. Nach kurzer Zeit wurde ich mit Rechercheaufgaben und der Betreuung von Besuchergruppen vertraut. Ich fand die Arbeitsumgebung ganz angenehm—man konnte immer Fragen stellen, aber wurde auch gefordert, den Weg selbstständig finden. Am Anfang war es alles ehrlich gesagt ein bisschen überwältigend— als 21-jährige, gerade mal eine Woche nach Uni-Abschlussprüfungen, musste ich mich an eine 39-Stunden-Arbeitswoche und die vollkommen andere Arbeitsatmosphäre eines politischen Büros gewöhnen, sowie eine mutige Berliner Fahrradfahrerin werden. Nach meinen ersten Rundgang durch die vielen Bundestags-Gebäude dachte ich, dass ich mich sicherlich ständig verlaufen würde, aber zu meiner Überraschung kenne ich mich jetzt hier aus, „wie in meiner Westentasche“ (ein komischer deutscher Begriff unter vielen anderen, den ich in den letzten Wochen gelernt habe).
Meine erste Herausforderung: Abkürzungen! Nancy erzählte mir am ersten Tag, dass im Bundestag viel mit Abkürzungen gearbeitet wird und besonders als Ausländerin, deren erste Sprache nicht Deutsch ist, musste ich mich bemühen diese ganzen Begriffe im Kopf zu behalten. Wenn man einen kurzen Blick in Elke Ferners Büro wirft, gibt es überall Mappen und Hefter mit Abkürzungen markiert: AG, PV, ZWD, ASF, Juso, DAX, BuVo, FES, PID und so weiter und so fort. Ich wunderte mich, wofür diese ganzen Buchstaben eigentlich standen, aber dass ich jetzt am Ende des Praktikums auch in der „Geheim-Sprache“ des Bundestags reden, schreiben und mich inhaltlich beschäftigen kann, ist für mich ein Zeichen wie viel ich in dieser Zeit aufgenommen habe.
Da ich am häufigsten direkt mit Elkes wissenschaftlichen Mitarbeiterin Nancy Haupt arbeitete, bekam ich ein guten Einblick in die Gleichstellungspolitik und Frauenförderung der SPD und wie Elke mit diesen Themen umgeht. Ich nahm teil in mehreren Treffen der Gleichstellungskommission, der AG Gleichstellung und in Workshops zum Thema Minijobs und Geschlechterrollen. Ich durfte, als Praktikantin, im „Schatten eines MdBs“ laufen was mir eine Ehre und einmalige Gelegenheit war. Ich recherchierte zum Thema Elterngeld und Elternzeit sowie Quoten im europäischen Vergleich. Ich sammelte Infos zur Geschichte und Forderungen der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) sowie zu Minijobs. Ich durfte meine eigenen Interessen verfolgen und an so vielen oder so wenigen Veranstaltungen im Bundestag teilnehmen wie ich wollte.
Die Abhängigkeit und Flexibilität, aber gleichzeitige Unterstützung des Büros hat mir sehr gefallen. Ich las fast jeden Morgen den Pressespiegel der SPD Fraktion und lernte nicht nur was Elke als MdB für die SPD macht, sondern bekam auch ein Gesamtbild der Ziele der Partei. Ich hörte Frank Walter-Steinmeier und Sigmar Gabriel in der Fraktionssitzung reden, aber auch in einer entspannten Umgebung, beim Hoffest der SPD. Ich sah Angela Merkel aus 50 Meter Entfernung als ich die Debatte zur PID im Plenum anhören durfte. Ich habe immer fleißig neue Vokabel aufgeschrieben von Artikeln, Drucksachen, Ausschuss Sitzungen und so weiter und habe jetzt eine Liste von über hundert neuen Worten und deren englischen Übersetzungen. Meine Zeit in Elke Ferners Büro war einmalig. Was ich während die sieben Wochen gelernt und erlebt habe ist unvergesslich. Ich bin dankbar, diese Gelegenheit gehabt zu haben.
von Erica Gendall-Conrad, Studentin am Earlham College, USA